Erlebt und bewegt
In dieser Rubrik veröffentlichen wir regelmässig Beiträge aus der gleichnamigen Rubrik der Zeitschrift factum - mit freundlicher Genehmigung.
TRÖSTER GESUCHT!
Sonntags vor Weihnachten muss ich wegen einer Rückenblockade ins Krankenhaus. Nichts geht mehr, ich brauche Spritzen. Dazu werde ich in ein Zweierzimmer mit einem älteren Herrn gesteckt. Mit Erleichterung sehe ich: Der Fernseher ist aus, stattdessen liegen anspruchsvolle Politmagazine auf seinem Nachttisch. Er bietet mir das Du an. Ludwig war Oberst der Bundeswehr und zu etlichen Auslandseinsätzen am Hindukusch. Als Presseoffizier der Streitkräfte hat er das pure Grauen erlebt – allein 48 gefallene Deutsche zu seiner Zeit. Balladen wurden ihm Seelenbalsam – Dichtung von menschlicher Hilfs- und Opferbereitschaft. Auch ich sage Ludwig im Gegenzug Liedtexte auf – von der Opferbereitschaft meines Herrn Jesus. Ludwig ist berührt.
Bei seiner Entlassung drückt er mich herzlich. Zum Abschied sage ich ihm: «Ludwig, hast du je bemerkt, dass die Bergpredigt mit drei kurzen Gleichnissen endet? Ein Weg führt ins ewige Leben, der andere ins Verderben. Ein Baum trägt gute, der andere faule Früchte. Ein Haus steht auf dem Felsen, das andere auf Sand. Ein klares Entweder-oder, damit stellt uns Jesus vor die Entscheidung!» Eine Woche später ruft er mich an und sagt: «Mein Krankenhaus-Aufenthalt war medizinisch zwar vergeblich. Aber dann hatten wir zwei unseren ernsthaften Austausch – dafür hat es sich gelohnt.»
Kaum ist Ludwig entlassen, kommt spätabends ein Neuzugang. Zoran, ein stolzer Kroate. Mit gerade mal 40 krümmt er sich vor Rückenschmerzen. Auch er beginnt zu erzählen: ein Alleskönner, ein Selfmademan, der alles im Leben aus eigener Kraft erreicht hat: Familiengründung, Hauskauf, Geschäftsaufbau. Alles scheint perfekt. Aber unter starken Schmerzen und riskanten Spritzen geht es nicht mehr um Geltung und Getue, sondern um Wesentliches. Zoran wird ehrlicher, die Fassade bröckelt. Er erzählt von seinen Brüdern, die durch Dummheiten und Drogen im Knast gelandet sind. Er erzählt vom viel zu frühen Tod seiner Mutter. Er berichtet von Stress mit Mitarbeitern, vom Streit mit Nachbarn – alles, was neben Rückenschmerzen die Seele quält. In der kommenden Nacht hat Zoran unter Oxycodon (einem synthetischen Opiat) zwei grässliche Albträume. Frühmorgens erzählt er mir schweissgebadet vom Horror der Nacht: Er sah Dämonen nach ihm greifen und fühlte körperlich eine bedrohliche Zudringlichkeit. Ich rede mit Zoran ernsthaft über die Realität von finsteren Mächten. «Als meine Mutter starb, fingen diese Ängste an. Das habe ich heute Nacht wieder so heftig erlebt. Ich bin froh, dass ich hier im Zimmer nicht alleine war.»
Meine Krankenhausbesucher waren ein echter Glaubwürdigkeits-Verstärker: Der Zusammenhalt unter Geschwistern, Freunden und der Familie sind ein starkes Zeugnis, das unsere Zeit braucht. Zudem wurden Ludwig und Zoran von meinem Besuch mit guten Schriften beschenkt.
Warum steckt Gott seine Kinder ins Krankenhaus? Wozu verbringen Christen Zeiten in Rehas, Kliniken und Pflegeheimen? Damit wir anderen in ihrer Not begegnen! «Seid jederzeit bereit zur Verantwortung gegen jeden, der Rechenschaft von euch fordert über die Hoffnung, die in euch ist» (1. Petr. 3,15 b). Gewiss ist meine Krankenhauserfahrung nicht repräsentativ. Aber wenn das Leben durch Leid plötzlich aus den Fugen gerät, brechen Fragen auf. Patienten sehnen sich nach Zuwendung, Trost und Ermutigung. Leid verbindet mehr als Leichtigkeit. Geteilter Schmerz schweisst zusammen. Welchen Trost haben wir zu geben, wenn die Medizin nicht mehr helfen kann? Füllen wir als Christen die Lücken aus, die eine kaltherzige gottlose Umwelt klaffen lässt? Viele sind so hoffnungslos ... Besuchst du Kranke? Redest du mit Leidenden? Ruf doch mal an! Fahr doch mal hin! Beim Personalmangel in der Pflege braucht es Trost. Sei du ein Tröster!
Andreas Fett