erlebt & bewegt

In dieser Rubrik veröffentlichen wir regelmässig Beiträge aus der gleichnamigen Rubrik der Zeitschrift "factum" - mit freundlicher Genehmigung.

Thomas Lange

Brauchen alle Jesus?

 

9:00 Uhr: Pünktlich öffnen wir die Türen zum kleinen Café, welches wir im Herzen unseres Städtchens betreiben. Es ist kein normales Café. Klar, man bekommt Kaffee, Tee, Snacks, Eis, Kuchen, Torte und ein Mittagsmenü. Doch es gibt keine Preise, sondern freiwillige Spenden. So möchten wir auch Menschen mit leerem Portemonnaie diese Möglichkeit anbieten.

Unsere Gäste kommen aus verschiedenen Bevölkerungsschichten. Verheiratete und Alleinstehende, Kranke und Gesunde, Ältere und Jüngere. Manche sind jede Woche da, andere sehen wir nur einmal. Viele nehmen sich Literatur mit christlichem Inhalt mit. Auch so manche ethos- und factum-Zeitschrift wechselte schon den Besitzer.

Viele bringen den Mut auf und lassen sich auf ein privates Gespräch ein. Meist dauert es nicht lange und Mann oder Frau kommt auf den Punkt. Aus manchem Gast sprudelt es regelrecht heraus. Endlich ist jemand da, der zuhört, der Zeit hat und wirklich wissen will, wie es einem geht. Oft sind es gesundheitliche Probleme oder familiäre Schwierigkeiten. Aber auch Einsamkeit, Depression, Ausgrenzung, Schuldgefühle und ähnliche Probleme liegen wie eine erdrückende Last auf der Seele.

Ich erinnere mich an eine ältere Frau. Sie kam eines Nachmittags im Dezember zu Kaffee und Kuchen. Meine Frau setzte sich zu ihr und plötzlich fing diese ältere Frau an zu weinen. Die Tränen flossen über ihr Gesicht und sie erzählte, dass ihr Mann vor Kurzem verstorben sei und wie sehr sie ihn vermisse. Dazu käme eine grosse Krankheitsnot bei ihr selbst. Hoffnungslosigkeit hatte sich in ihrem Leben breitgemacht.

Ein anderes Mal lernte ich einen starken Typen kennen – hart und furchtlos nach aussen. Er erzählte von seinen Militäreinsätzen in Afghanistan und seinen Künsten im Kampfsport. Bei näherem Hinsehen entpuppte er sich aber als ein Mann mit gebrochenem Herzen. Durch sein protziges Auftreten wollte er sich selbst schützen und niemanden an sich heranlassen. Nach aussen mimte er den Unantastbaren und Starken, doch innen drin verbarg sich ein weicher Kern. Ein verletztes Herz, das sich nach Geborgenheit und Liebe sehnte und Vergebung benötigte.

Die Ehrlichkeit solcher Gespräche ist oft verblüffend. Immer wieder wird deutlich, dass die eigentliche Not diejenige der Seele ist. Das Bedürfnis nach echter Gemeinschaft ist tief in unseren Herzen verankert. Gott schuf uns in seinem Bild (1. Mose 1,26). Er selbst existiert in einer dreieinigen Gemeinschaft (Vater, Sohn, Heiliger Geist) und deshalb brauchen wir das auch.

Viele unserer Gäste wissen im Innersten, dass sie Sünder sind. Um diese Erkenntnis ist jedoch meist eine dicke Mauer aus Stolz und Selbstgerechtigkeit gebaut. Sie zum Einstürzen zu bringen, ist gar nicht so einfach. Wer gibt schon gerne zu, dass er Dreck am Stecken hat, Hilfe braucht oder innerlich völlig zerrissen und verzweifelt ist? Die Bibel sagt uns, dass da «keiner ist, der Gott sucht» (Röm. 3,11). Die Diagnose ist unabhängig von Ansehen, Beruf und gesellschaftlichem Rang dieselbe: Jeder ist durch sein autonomes, vom Eigenwillen beherrschtes Leben von seinem Schöpfer getrennt (Jesaja 53,6). Wie bei der Diagnose ist auch das Heilmittel für alle gleich: die Vergebung durch Jesus Christus. Nichts benötigen wir dringender, nichts brauchen wir mehr als Frieden mit Gott (Kolosser 1,20–22). Erst dann wird echter Friede auch in unser Inneres einziehen (Johannes 14,27). Wir werden zur Ruhe kommen von allem, was uns seelische Not bereitet (Matthäus 11,28). Das heisst nicht, dass alle unsere Schwierigkeiten und Nöte sofort verschwinden und sich in Luft auflösen. Es bedeutet, dass ich grundsätzlich und besonders in meiner Not in Jesus Christus, meinem Retter, geborgen bin (Psalm 18,1–18). Mit diesem starken Herrn werde ich das Ziel, den Himmel, erreichen.

Ja, alle brauchen Jesus! Auch Sie.