erlebt & bewegt

In dieser Rubrik veröffentlichen wir regelmässig Beiträge aus der gleichnamigen Rubrik der Zeitschrift "factum" - mit freundlicher Genehmigung.

Raphael Berger

Weihnachten mit Nehemia

Alles begann im März während des ersten Lockdowns. In der Gemeinde war die Zusammenkunft nicht mehr möglich, und so durften meine Frau und ich am Sonntagmorgen mit unseren vier Jungs zu Hause Gottesdienst feiern. Eine Mitarbeiterin der Gemeinde bereitete jeweils eine Sonntagschulstunde vor, die wir Eltern zusammen mit unseren Kindern durchführen konnten. So beschäftigten wir uns einige Wochen mit Nehemia. Wir waren beeindruckt von seiner Bereitschaft, den Königshof zu verlassen und nach Jerusalem zu gehen, um dort mit den Israeliten die Mauer wieder aufzubauen. Gespannt machten wir uns mit ihm auf die Reise, unterstützten ihn beim Mauerbau, erlebten Gottes Eingreifen gegenüber Israels Feinden und feierten in unserem Wohnzimmer das Laubhüttenfest.

Später kam die Idee, aus dieser Geschichte ein kleines Weihnachtsmusical für die Kinder zu machen. Gesagt, getan! Wir komponierten einige Lieder und feilten an den Dialogen. So Gott will, dürfen wir das Musical in einigen Wochen im kleinen Kreis der Gemeinde uraufführen und hoffentlich im nächsten Jahr wieder mit Gästen!

Was aber haben Nehemia und die Botschaft von Weihnachten gemeinsam? So einiges. Nehemia lebte im babylonischen Exil. Hier war er nicht etwa in Gefangenschaft, nein, es ging ihm sehr gut. Als Mundschenk des Königs übte er einen Beruf mit hoher Verantwortung aus. Nehemia war geachtet und angesehenen, kleidete sich vornehm, wohnte im Palast und durfte am Königstisch essen.

Trotzdem hatte er Sehnsucht nach seiner Heimatstadt Jerusalem. Als sein Bruder Hanani ihm von der schwierigen Lage der Menschen in Jerusalem berichtete, weinte, fastete und betete er tagelang und tat vor Gott Busse für seine eigene Schuld und die Sünde seiner Väter. Es wurde ihm klar, dass sein Platz nicht länger am Königshof war, sondern draussen auf dem Feld bei den Israeliten. Nehemia bat den König um Erlaubnis, nach Jerusalem gehen zu dürfen. Er nahm die beschwerliche Reise auf sich und tauschte sein vornehmes Gewand gegen Baukleider aus. In Jerusalem wurde er Bauarbeiter und Soldat. Seite an Seite schuftete er mit den Israeliten, um in 52 Tagen allen Widerständen zum Trotz die Stadtmauern wieder aufzubauen. Welch beeindruckende Geschichte!

Von Jesus lesen wir in Philipper 2,6-11: «Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäusserte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.»

Was für gewaltige Worte, die an Weihnachten mit Jesu Geburt ihren Anfang nahmen. An diesem Tag begann sein Weg Richtung Kreuz. Freiwillig verliess Jesus den ihm zustehenden Platz im Himmel und die vollkommene Gemeinschaft mit seinem Vater. Er wurde Mensch, um uns Sünder zu erlösen.

Obwohl sich diese zwei Wege nicht eins zu eins miteinander vergleichen lassen, finden wir Christi Gesinnung bereits Jahrhunderte zuvor bei Nehemia. Auch er hielt es nicht für einen Raub, seinen berechtigten Platz am Königshof zu verlassen und stattdessen dem Volk Israel unter schwierigsten Umständen zu dienen. Aus freiem Entschluss nahm er diesen Weg auf sich, war Gott gegenüber gehorsam und lebte in ständiger Verbindung mit ihm. Gott segnete Nehemia und schenkte ihm Gelingen – trotz aller Unannehmlichkeiten, die dieser Weg mit sich brachte.

In eindrücklicher Weise bestätigte Gott auch den Weg seines Sohnes Jesus Christus: «Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!» (Matth. 17,5 b).
Wie reagieren wir auf Weihnachten? Sind wir uns bewusst, dass Jesus nicht gekommen ist, um uns ein gemütliches Leben am «Königshof» zu ermöglichen, sondern um uns in den Weg der Nachfolge zu rufen, damit wir auf seiner «Baustelle» arbeiten? Bedenke: Jesus kostete es alles, um uns zu erlösen. Was sind wir bereit, für IHN zu geben?