erlebt & bewegt

In dieser Rubrik veröffentlichen wir regelmässig Beiträge aus der gleichnamigen Rubrik der Zeitschrift "factum" - mit freundlicher Genehmigung.

Uwe Siemon-Netto

Reporter und Christ

 

Oft werde ich gefragt: «Du bist ein abgebrühter alter Reporter und dennoch ein Christ: Wie verträgt sich das eigentlich?» Ich verstehe, dass ein Journalist, der wie ich im Vietnamkrieg schwere Gefechte und finsterste Verbrechen erlebt hat, seinen Glauben an einen gnädigen Gott verlieren kann. Es gibt aber zwei triftige Argumente fürs Gegenteil, nämlich dass gerade hartgesottene Mitglieder unserer Zunft manchmal gläubige Christen werden:

1. Das wichtigste Attribut eines echten Journalisten – und hier denke ich weniger an öffentlich-rechtliche Besserwisser – ist es ja, von einer unersättlichen Neugier getrieben zu sein und Fragen zu stellen. Wieso sollte er dann vor den letzten Fragen haltmachen? Gemeint sind damit die Fragen nach der Existenz Gottes, nach Leben und Tod, nach Sünde, Gnade und Vergebung.

2. Wer einmal, wie viele Reporter, in die tiefsten Untiefen dieser Welt geblickt hat, sucht oft nach einer Alternative zum Absturz in den Zynismus, und hier bietet sich nur der christliche Glaube als die schlüssigste Alternative an.

Bei mir spitzte sich dies nach einer Kette von Erlebnissen zu, als ich Ende 30 war: Nach langen Reporterjahren trat ich in die Chefredaktion einer grossen Boulevardzeitung ein. Ein Drittel meiner Mitarbeiter setzte sich aus wilden Linksextremisten zusammen, die nie vorurteilsfrei an die Tagesthemen herangingen, sondern den Lesern ihre Meinung aufzwingen wollten. Das führte in den Redaktionskonferenzen zu heissen, unendlichen Debatten mit dem Ergebnis, dass wir selten rechtzeitig andrucken konnten und unsere Auflage folglich immer tiefer in den Keller ging. Bei einer dieser Wortgefechte sagte ich: «Ihr seid doch Marxisten. Als Karl Marx 1848–49 Chefredakteur der ‹Neuen Rheinischen Zeitung› war, sagte er: ‹Eine Zeitung kann nur von oben nach unten geführt werden.› Also machen wir’s wie Marx. Ich bin oben, Ihr seid unten. Ich habe das letzte Wort.» Da fügten sich meine linken Redakteure; sie waren ja Deutsche. Wir druckten pünktlich an, und unsere Auflage ging wieder nach oben. Das hielt zwar nicht lange vor, aber ich erfand von Zeit zu Zeit immer neue Marx-«Zitate», mit denen ich diese Kollegen wieder in den Griff bekam. Eines Tages pflanzte sich nach einer heftigen Sitzung die fanatischste, feministischste Trotzkistin im Hause vor mich. Die Dame hörte auf den Namen Gottschalch, was meinen Sinn für Ironie immens steigerte. Sie sagte: «Herr Siemon-Netto, wir alle wissen, dass Sie der beste Marx-Kenner in diesem Haus sind ...» – «Hm, hm», antwortete ich und kniff mich in den rechten Oberschenkel, um nicht zu lachen. «... aber ein Marxist sind Sie nicht», fuhr Frau Gottschalch empört fort. «Nööö», sagte ich, «so bekloppt bin ich nicht.» – «Wenn nicht Marx, wem folgen Sie dann nach?», hakte Frau Gottschalch weiter nach. Und ich, der ich seit 20 Jahren keine Kirche betreten hatte, hörte mich sagen: «Jesus Christus!» Frau Gottschalch kehrte stumm zu ihrem Schreibtisch zurück. Ich schloss mich in mein Büro ein, legte mein Gesicht in meine Hände, betete das Vaterunser und flehte Gott, den ich so lange in meinem Wartezimmer hatte verharren lassen, mit Worten aus dem Psalter an, die ich seit meiner Kindheit kannte: «Verwirf mich nicht von deinem Angesicht und nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir» (Psalm 51,13). Dann rief ich die evangelisch-lutherische Gemeinde St. Nikolai an und verblüffte Pastor Peter Barth mit den Worten: «Ich will heute wieder in die Kirche eintreten. Darf ich bei Ihnen vorbeikommen?» «Nee», antwortete Barth, «so viele verlassen gerade die Kirche. Ich komme zu Ihnen, um Sie als ersten Rückkehrer aufzunehmen.» So wurde ich dank rabiater Marxisten auch von Amts wegen wieder ein Christ. Der Gott Israels hat einen ausgeprägten Sinn für Ironie. Das gefällt mir besonders an ihm.