erlebt & bewegt

In dieser Rubrik veröffentlichen wir regelmässig Beiträge aus der gleichnamigen Rubrik der Zeitschrift "factum" - mit freundlicher Genehmigung.

Thomas Baumann

Das Leben in Person

 

Was bedeutet es für mich, lebendig zu sein? Mit dieser Frage konfrontierte ich zu Beginn des Jahres meine Schüler. Sie sollten einen kleinen Text dazu formulieren. Kann sein, dass der oder die ein oder andere erst etwas irritiert war, aber schliesslich liessen sich alle darauf ein und ich war wieder einmal überrascht von der Vielfalt und Qualität der Ergebnisse. Vielleicht hatte mich die Jahreslosung für 2018 zu dieser Aktion inspiriert: «Gott spricht: ‹Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst›» (Off. 21,6).

Wir leben in einer Zeit, in der Gewalt und Angst, Tod und Schrecken allgegenwärtig zu sein scheinen, manchmal sogar verherrlicht werden. Wie anders die Botschaft Jesu, ja der ganzen Bibel. Gott erschafft das Leben in seiner ganzen Buntheit und vibrierenden Intensität und er erhält es. Sein Ziel ist Leben, nicht Tod, Versöhnung statt Feindschaft, Gemeinschaft statt Egotrip, Erneuerung statt Erstarrung in Gefühlskälte. Jesus ist das Leben in Person. Er ist gekommen, damit wir neues, ewiges Leben in Verbindung mit ihm bekommen. Einige Schüler kamen auch auf diesen Zusammenhang von Leben und Glauben.

Wenn wir in die Bibel schauen, wird deutlich: Leben entsteht und gedeiht in der Gegenwart Gottes. Ja, Leben ist Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott. Als Adam und Eva von der Frucht assen, von der sie nicht essen sollten, sind sie gestorben. Biologisch existierten sie noch, aber geistlich waren sie tot. Geist und Seele waren abgeschnitten von der Gemeinschaft mit Gott, im Körper begannen die biologischen Zerfallsprozesse. Adam schämte sich und hatte auf einmal Angst vor Gott, Misstrauen – Gefühle, die er vorher nicht gekannt hatte. Aber Gott ist nicht bereit, das hinzunehmen. Er kommt zu uns, um uns wieder einen Weg zu bahnen, zurück in die unbekümmerte Gemeinschaft mit ihm.

Jesus ist Mensch geworden, um uns neues Leben von ewiger Qualität zu bringen. Dies entsteht in uns durch den Heiligen Geist, wenn wir die Einladung von Jesus annehmen, uns mit Haut und Haaren ihm anzuvertrauen, in sein Reich, mit anderen Worten, unter seine Herrschaft zu kommen. Wenn ich in der Gegenwart Jesu, in der Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott, lebe, dann bin ich wahrhaft lebendig. Lebendig zu sein, bedeutet dann nicht nur, mit allen Sinnen meine Umgebung wahrnehmen zu können, tiefe Gefühle zu empfinden, zu staunen, Freundschaften zu schliessen, schöne oder schlimme Dinge zu erleben, sondern um die Nähe Gottes zu wissen, im Herzen seine Stimme zu hören: «Du bist mein geliebtes Kind.» Es bedeutet auch, in seiner wohltuenden Gegenwart aufzutanken, in seinem Licht das zu sehen, was in mir nicht in Ordnung ist, und es in Ordnung bringen und mich vom Heiligen Geist verwandeln zu lassen in das Bild Jesu. Dann bin ich lebendig, selbst wenn meine äusserlichen und seelischen Kräfte nachlassen, ja, auch wenn ich vergesslich werde, nicht mehr viel auf die Reihe bekomme oder gar ans Bett gefesselt bin.

Wenn ich mit Jesus unterwegs bin, bin ich lebendig, selbst wenn mein Leben gerade nicht so reich gesegnet ist mit den Höhepunkten, die mir sonst das Gefühl geben, lebendig zu sein: der Blick über die ins Sonnenlicht getauchte Rheinebene vom Vogesenkamm nach einem anstrengenden Anstieg, ein gutes Gespräch mit einem Freund, das Lächeln eines wildfremden Menschen, dem ich gerade versehentlich die Vorfahrt genommen habe, der Eisvogel, der nur wenige Meter von mir entfernt ins Wasser taucht, die Kurznachricht eines unserer Kinder: «Prüfung bestanden!» – die Liste liesse sich unendlich fortsetzen. Der lebendige Gott in mir und um mich sorgt dafür, dass ich lebe, selbst wenn ich sterbe.

Was bedeutet es für Sie, lebendig zu sein?

 

Lebendig bin ich dann, wenn ich mit Jesus unterwegs bin.