erlebt & bewegt

In dieser Rubrik veröffentlichen wir regelmässig Beiträge aus der gleichnamigen Rubrik der Zeitschrift "factum" - mit freundlicher Genehmigung.

Raphael Berger

Du bist okay

Aufgrund einer Abdankung war ich kürzlich wieder einmal in einer evangelischen Kirche. Für den Verstorbenen hatten wir zeit seines Lebens viel gebetet. Immer wieder hörte er die Gute Botschaft und kurz vor seinem Tod hatte seine Tochter noch einmal die Gelegenheit, ihm in ganz einfachen Worten zu bezeugen, wo er seine Schuld abladen kann. Ob er es getan hat? Wir wissen es nicht – Gott allein weiss es!
Die Pfarrerin machte ihre Aufgabe während der Abdankung gut. Es war ein würdiger und schöner Abschied. Was kann und soll man auch sagen, wenn man nicht weiss, ob ein Mensch nach seinem Tod bei Gott ist oder nicht? Diese Frage ging mir oft durch den Kopf.
Tags darauf las ich einige Bibelstellen nach, welche die Pfarrerin während der Abdankung zitiert hatte. Als ich zu Johannes 12 kam, erschrak ich. Sie hatte die Verse 24 und 26 gelesen: «Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. … Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.» Das Weizenkorn bezog sie direkt auf den Tod eines Menschen, dessen «Pflänzchen» bei Gott in der Ewigkeit aufgeht und Frucht bringt. Für sie stand offensichtlich ausser Frage, dass auch der Verstorbene nun bei Gott ist. Johannes 12, Vers 25 hatte sie glatt unterschlagen: «Wer sein Leben lieb hat, der wird’s verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird’s erhalten zum ewigen Leben.» Das darf doch nicht wahr sein, schoss es mir durch den Kopf! Wie kann man diesen Vers einfach übergehen? Nur wenn man der Überzeugung ist, dass am Schluss alle in den Himmel kommen.
Nach der Abdankung begaben sich die Trauergäste in ein Restaurant. Wir sassen am selben Tisch wie die Pfarrerin. Während des Gesprächs warf einer die Frage in die Runde, ob es den Menschen vielleicht zu gut ginge und sie deshalb der Kirche fernbleiben würden? Ob er sie denn regelmässig besuche, fragte ich ihn. Nein, nicht regelmässig. So ökumenische Anlässe wie Grillen im Wald mit einer netten Ansprache des Pfarrers, das sei eher sein Ding.
Ja, vielleicht geht es den Menschen zu gut und sie bleiben deshalb lieber zuhause. Dennoch bin ich überzeugt, dass die Kirche mitschuldig ist an ihrer Misere. Was war die Botschaft während dieser Abdankung und was hören viele Besucher jeden Sonntag landauf, landab? DU BIST OKAY. Ja, wenn das so ist und am Schluss alle bei Gott sind, weshalb muss ich dann in die Kirche gehen? Und weshalb sollte ich mein Leben ändern? Ist doch alles gut! Kein Wunder, laufen die Mitglieder in Scharen davon.
Welch grosse Schuld lädt sich die Kirche mit ihrer Verkündigung auf! Denn die Bibel spricht eine ganz andere Sprache. 1. Johannes 5,12: «Wer den Sohn hat, der hat das (ewige) Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das (ewige) Leben nicht.» Johannes 3,36: «… Wer aber dem Sohn nicht gehorsam ist, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm.» Himmel und Hölle sind bei Gott Realität. Ebenso die Tatsache, dass wir Menschen Sünder sind, getrennt von Gott, und nur gerettet werden können, wenn wir unsere Schuld vor ihm bekennen, an ihn glauben und den Kreuzestod Jesu für uns persönlich in Anspruch nehmen (1. Johannes 1,9; Johannes 1,12).
Die Aufgabe der Kirche wäre es, Menschen aufzurütteln und ihnen zu sagen: Du bist NICHT okay, so wie du bist. Du musst umkehren! Vielleicht wären die Kirchen dann noch leerer, doch Gott würde eine solche Verkündigung auf seine Art und Weise segnen.
Auch mir wurde von Neuem bewusst, was meine Aufgabe ist und wie oft ich versage, wenn es darum geht, Stellung zu beziehen und den Menschen etwas von meinem Glauben weiterzugeben. Gott sei mir und Ihnen gnädig und schenke uns den Blick und die Liebe für die Verlorenen!